Mit 2011 beginnt das „Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit“, mit dem die EU zur Förderung der aktiven Bürgerschaft beitragen möchte – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Bundespräsident Christian Wulff hat denn auch das Ehrenamt ins Zentrum seiner Weihnachtsansprache gerückt, als er sagte: „Der Staat kann im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen in Not finanziell unterstützen. Aber jemandem Mut zusprechen, jemandem auf die Schulter klopfen, jemandem die Hand reichen: Dafür braucht es Menschen, für die Menschlichkeit wichtig ist.“ Angesicht der Lebensmitteltafeln, Sozialkaufhäuser und Kleiderkammern, die fast überall in der Bundesrepublik wie Pilze aus dem Boden sprießen, gewinnt man den Eindruck, dass der Sozialstaat geht und die freiwilligen Helfer kommen. Bürgergesellschaft und Ehrenamt eine elegante und vor allem billige Lösung für die Wahrung des sozialen Friedens – wenn man die Profite nicht antasten möchte.
Sicherlich ist daher das Anschreiben von der Evangelischen Kirchengemeinde Wald-Michelbach und Evang. Dekanats Bergstraße kein Zufall. Indem die Bürger sich über ein Ehrenamt solidarisch erklären und tatkräftig helfen sollen, um den hohen Bedarf an notwendiger Hilfe in Wald-Michelbach bei Jung und Alt zu decken.
Wenn jemand gerne helfen möchte, der soll das auch tun können. Ich wäre der letzte, der Helfende Steine in den Weg legen wollte. Da darf man mich nicht falsch verstehen. Aber angesichts des Hintergrundes, dass die kostenlose Arbeit für immer mehr gesellschaftliche Bereiche auf Grund der chronisch leeren öffentlichen Kassen unverzichtbar wird, nimmt diese Aktion doch heuchlerische Züge an.
Eine systematische "Aktivierung des bürgerschaftlichen Engagements" durch Politik, Verbänden, Unternehmen und Kirchen mit dem Ziel einer "Bürgergesellschaft", wo die Menschen in Zukunft eigenverantwortlich z.B. die sozialen Probleme vor Ort selbst in die Hand nehmen. Das klingt gut, verschleiert aber, dass Wirtschaft, Kapitalbesitzer und Vermögende seit Jahren immer weniger zur Finanzierung der öffentlichen Kassen beitragen. Sie profitieren davon, dass andere kostenlos schuften. So soll auch die Altenpflege durch die Legalisierung der Hilfskräfte aus Osteuropa bald bezahlbar werden. Dies führt doch zu Lohndumping bei den hiesigen Pflegeberufen.
Was hindert die Kirchenfürsten daran, einmal darüber nachzudenken, ob nicht zunächst einmal die Kosten des Pflege- und Gesundheitssystems breiter verteilt werden sollen, z.B. auf die besonders breiten Schultern derer, die sich über Privatversicherungen aus den Solidarpakt ausgeklinkt haben. Fast scheint es so, als bekämen Kommunalpolitiker ebenfalls Boni für kurzfristige Einsparungen, anders lässt sich der neoliberale Wahnsinn kaum mehr erklären. Wenn es die Politik aber wirklich ernst meinen würde, wären die Löcher in den kommunalen Kassen ebenso bald Geschichte, wie die Löcher in den deutschen Straßen.
Wenn es für eine positive gesellschaftliche Entwicklung notwendig ist, dann ist es falsch ordentlich bezahlte Pflegeberufe durch Ehrenämter oder durch billige Arbeitskräfte ersetzen zu wollen. Denn sie können ebenfalls zu einem wirtschaftlichen Wachstum beitragen wie jede andere Dienstleitung von z.B. Lehrern, Ärzten, Beamten etc. Schließlich kann unsere Gesellschaft in einer arbeitsteiligen Wirtschaft nur aus dem gesellschaftlichen Zusammenhalt der Menschen profitieren. Dabei darf Wettbewerb bei Dienstleistungen, nicht Wettbewerb um die niedrigsten Löhne sein. Wie dies nach dem neoliberalen Kredo von den Wettbewerbsfetischisten immer wieder eingefordert wird. Weil auch die Konkurrenten so schlau sind, die Arbeitnehmer unter Druck zu setzen.
Wie bei den Ehrenämtern verhält es sich auch bei den Ein-Euro-Jobs wie nachfolgender Artikel in der Financial Times Deutschland deutlich beschreibt.
Weg mit den Ein-Euro-Jobs! Zum wiederholten Mal fordert der Handwerksverband, die sogenannten Ein-Euro-Jobs abzuschaffen – und er hat recht. Der geringe Lohn ist nicht das Problem. Das Angebot hat zwei andere gravierende Nachteile. Zum einen sind sie weitgehend sinnfrei: Schön für Senioren, wenn ihnen jemand vorliest, und schön für den Arbeitslosen, wenn er so Anerkennung bekommt und eine Aufgabe hat. Das führt jedoch weder in eine feste Stelle, noch löst es das Problem, dass alte Menschen in Pflegeheimen mehr Fürsorge brauchen. So schummelt sich die Politik an notwendigen Antworten vorbei. Zum anderen zerstören die Ein-Euro-Plätze reguläre Stellen, weil die Kommunen die Kräfte freigebig dort einsetzten, wo Arbeit, aber kein Geld vorhanden ist – Zäune streichen, Wege räumen, Schulen streichen. Quelle: FTD "Weg mit den Ein-Euro-Jobs"
--- Dirk Hennrich ist Vorstandsmitglied des Vereins "Demokratisches Bürgerforum Überwald" ---
Das schöne für die Regierung beim Ein-Euro-Job ist ja, dass diese mit in die Statistik der Beschäftigten einfließen.
So lässt sich prima damit prahlen man hätte den Arbeitsmarkt angekurbelt und damit die Arbeitslosenzahlen heruntergedrückt, bei näherer Betrachtung erkennt man aber das all diese "schönen" Arbeitsplätze sich im Niedriglohnsektor befinden und praktisch durchweg mit Hartz IV Leistungen unterstützt werden müssen.
Eine große gesellschaftliche Mogelpackung also !
Vor einem Mindestlohn, der diese Abhänigkeit endlich beseitigen würde, sträubt sich unsere derzeitige Regierung. Dies ist wohl leider so, weil die Konzernlobbyisten mehr Macht ausüben als unsere gewählten Regierungsvertreter.
________________________________________________________________________ - Stefan Werner ist Vorstandsmitglied des Vereins "Demokratisches Bürgerforum Überwald" -
Um Missverständnisse zu vermeiden, dieser Hinweis: Die unter meinem Namen veröffentlichen Meinungen sind meine eigenen und müssen daher nicht zwingend die des Verein darstellen !
„ Ein Nein aus tiefster Überzeugung ist besser und größer als ein Ja, das nur gesagt wird, um zu gefallen oder um Schwierigkeiten zu vermeiden" Mahatma Gandhi (indischer Rechtsanwalt, Asket, Moralist und Pazifist)
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