#1 Die Alternative: Erneuerbare Energien - Rede von Sven Wingerter auf der Demo vom 28.05.2011 von Sven Wingerter 31.05.2011 17:37

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Die Alternative: Erneuerbare Energien
Rede von Sven Wingerter auf der Demo vom 28. Mai in Wald-Michelbach

Liebe Freundinnen und Freunde,

Einige von Euch kennen sicherlich diesen Film: „Die 4. Revolution. Energy Autonomie. Freie Energie für alle!“. Es war Deutschlands erfolgreichster Kino-Dokumentarfilm des Jahres, vor einigen Monaten auch in Wald-Michelbach, vor einigen Tagen im Fernsehen.

Der Film fängt mit Nachtaufnahmen von Los Angeles an. Und Hermann Scheer, der kürzlich leider verstorbene Träger des Alternativen Nobelpreises und langjähriger Präsident des „Weltrates für Erneuerbare Energien“ und Gründer der „Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien“ sagt dazu:

„Wenn ich mir Städte wie Los Angeles aus der Luft anschaue, dann kann ich PSYCHOLOGISCH verstehen, dass Menschen es sich kaum vorstellen können, dass die riesigen Energiemengen, die hier verbraucht werden, ersetzt werden können durch Erneuerbare Energien – und das auch noch in schneller Zeit.“

Und direkt darauf beklagt er sich angesichts der zahlreichen Wolkenkratzer, dass offenbar kein Architekt auf die Idee kommt, dass die Fassaden statt nur mit Glas auch mit Photovoltaik-Anlagen versehen werden könnten.

An anderen Stellen im Film taucht immer wieder – fast als Karikatur – der Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur auf, der da sagt:
„Die Vorstellung, dass in ein paar Jahrzehnten unsere Energie komplett erneuerbar wird, ist völlig realitätsfern“.

Er ist aber immerhin so nett und freundlich, dass er uns darüber aufklärt, dass er zuvor als Öl- und Energieberater bei der „Organisation erdölexportierender Länder“ tätig war: „Das meiste was ich über Energie weiß, weiß ich von der OPEC“.

Daher wohl seine mangelnde Vorstellungskraft.

Noch 1993 war in bundesweiten Zeitungsanzeigen der deutschen Stromkonzerne zu lesen: „Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig nicht mehr als 4% unseres Strombedarfs decken.“ Komisch nur, dass es bereits 1 Jahr später mehr als 4% waren. Komisch nur, dass alleine von 1998 bis heute der Anteil von knapp 4,7% auf heute knapp 17% angestiegen ist. Und dafür genügten allein ein paar wenige kluge politische Entscheidungen, um einen beispiellosen Boom zu erzeugen.

Innerhalb weniger Jahre konnte der Anteil an Erneuerbaren Energien so enorm gesteigert werden, dass fast schon die gesamte Stromproduktion der deutschen Atomkraftwerke gedeckt werden konnte.

Es ist deshalb auch völlig unverständlich – und damit komme ich vielleicht ein wenig weg vom Atom – wenn jetzt bereits die üblichen Verdächtigen in Politik und Wirtschaft, mal mehr mal weniger laut, aber im Hintergrund sehr intensiv, fordern und daran arbeiten, dass dann halt die anderen Großkraftwerke – Steinkohle - ausgebaut und neugebaut werden müssten.

Liebe Freundinnen und Freunde,

eine vollständige Versorgung aus Erneuerbaren Energien – sowohl für Strom, als auch für Wärme, als auch für Mobilität - in kurzer Zeit IST möglich!

Und dafür können wir sofort raus aus der Atomenergie. Wir können perspektivisch raus aus der fossilen Energieerzeugung – den Ausstieg auch aus Kohle oder Öl. Und wir brauchen dafür kein einziges neues Kohlekraftwerk.

Was wir brauchen ist der energische Ausbau der Erneuerbaren Energien, den klare Willen und den politischen Druck!

Es gibt seit vielen Jahren zahlreiche Szenarien, zahlreiche Studien, zahlreiche Konzepte. Mal wird das Jahr 2050 genannt, mal 2040. Technologiesprünge sind dabei kaum berücksichtigt, aber die Zahl ist auch gar nicht so wichtig:

Die Botschaft muss sein: So schnell wie möglich!

Denn wir alle können etwas dafür tun: Energie sparen, Energie effizienter nutzen, in Erneuerbare Energien investieren.

Natürlich wird immer wieder versucht, die Erneuerbaren Energien schlecht zu reden. Das war vor Fukushima der Fall, das ist nach Fukushima der Fall. Die üblichen Phrasen: Was ist, wenn kein Wind weht? Was ist, wenn die Sonne nicht scheint? Ist das nicht alles viel zu teuer? Dauert das nicht alles viel zu lang?

Dabei sind die Wasserkraft, die Biomasse und die geothermische Energie prinzipiell grundlastfähig. Aber auch der in Deutschland produzierte Windstrom trägt zu 60% seiner erzeugten Leistung zur Grundlast bei. Einzig der Solarstrom ist nicht grundlastfähig, leistet dafür aber einen exklusiven Beitrag zur Spitzenlast, ebenso wie 40% der Windenergie.

Speichertechnologien existieren längst und werden kontinuierlich weiterentwickelt – seien es Pumpspeicherwerke, seien es Druckluftkraftwerke, sei es die Wasserstoff-Elektrolyse, Schwungrad- oder neue Batterietechniken.

Wer das alles leugnet und nicht zur Kenntnis nimmt, hat entweder keine Ahnung oder arbeitet im Auftrag der Großkonzerne, die an allem Möglichen Interesse haben mögen, aber sicherlich nicht an der Unabhängigkeit von Kohle, Öl und Atom durch Erneuerbare Energien.

Und wir brauchen auch nicht auf Großprojekte zu warten.

Das Desertec-Projekt in der Wüste mag eine schöne Idee sein. Aber nichts ist schneller einführbar, als eine dezentrale erneuerbare Energieversorgung. Praktisch überall ist Sonne, Wind, Wasser, Biomasse oder Erdwärme nutzbar. Und die Installationszeit beträgt bei vielen Anlagen wenige Tage, bei den größeren Anlagen (Wind, Bioenergie) wenige Monate.

Das größte Problem sind die Genehmigungsverfahren – doch bei entsprechendem politischem Willen ist das eigentlich gleichzeitig das kleinste Problem.

Liebe Freundinnen und Freunde,

gestern gab es auf der Titelseite der Zeitung eine Überschrift zum G8-Gipfel: „Deutschland steht mit Ausstiegsplänen allein da“.

Das ist einerseits sehr schade und ärgerlich. Es ist unverständlich, dass die großen Industriestaaten nicht Willens sind, endlich zu lernen!

Wir sehen das regelmäßige Scheitern der internationalen Klimagipfel trotz unzähliger Klimakatastrophen auf der Welt – und wir fragen uns: Was muss eigentlich noch alles passieren?

Wir sehen mit großem Entsetzen die Unfähigkeit der großen Politik, endlich konsequent, so schnell wie möglich, das heißt sofort aus der Atomenergie auszusteigen – und wir fragen uns nach Harrisburg, nach Tschernobyl, nach Fukushima: Was muss eigentlich noch alles passieren?

Aber auf der anderen Seite darf und muss uns das nicht beirren: Immer wieder heißt es von gezielter Seite gesetzt: Wenn die anderen nicht mitmachen, dann macht es keinen Sinn, dass Deutschland den Vorreiter spielt.

Es könnte keinen größeren Quatsch, kein bescheuerteres Argument geben!

Denn auch wenn die anderen NOCH nicht mitziehen: Bei den Erneuerbaren Energien ist längst Exportmodell!
Das gilt für Konzepte. Das gilt für die Politik. Das gilt für Technologie.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist mittlerweile von knapp 50 Staaten der Welt übernommen, teilweise 1:1 kopiert worden. Schon jetzt hat sich das EEG als wesentlich erfolgreicheres Instrument zur Minderung klimaschädlicher Emissionen erwiesen als die Umsetzung des Kyoto-Protokolls in jedem einzelnen Land. In vielen Bereichen sind deutsche Firmen Weltmarktführer für grüne Technologie – wenn man so möchte: die altbekannte und vielgelobte deutsche Ingenieurskunst wird weltweit bei Anlagen Erneuerbarer Energien eingesetzt.

Und liebe Freundinnen und Freunde,
wir brauchen ja nur an die Tankstellen zu schauen und wer noch nicht auf einen Ökostrom-Tarif umgestiegen ist, braucht nur auf die Stromrechnung zu schauen: Die Preise für fossile und atomare Energie steigen und steigen und steigen. Kohle, Öl, Uran sind endliche Knappheitsgüter – alleine schon deshalb, aber eben auch aufgrund unbezahlbarer Folgeschäden für die Umwelt werden sie immer teurer.

Bei Erneuerbaren Energien fallen keine Brennstoffkosten an. Mit dem fortschreitenden Ausbau der Infrastruktur, mit der industriellen Anlagenproduktion und durch laufende technologische Verbesserungen können sie nur preiswerter werden. Und genau diese deutlich fallenden Preise können wir seit Jahren feststellen. In wenigen Jahren werden Erneuerbare Energien auch ohne staatliche Förderung deutlich billiger sein als jede andere Energieproduktion. Und spätestens dann besteht Hoffnung, dass auch die anderen Länder begreifen, auf welch einem Irrweg sie sich befinden, wenn sie nicht endlich auch aus der Nutzung atomarer und fossiler Energie aussteigen.

Aber liebe Freundinnen und Freunde,
wir dürfen uns natürlich nichts vormachen: Ohne Energie ist alles nichts. Und nichts kommt von allein!

Das schöne, inzwischen schon alte Motto der Lokalen Agenda21: „Global denken – Lokal Handeln“ setzt sich eben auch nicht von alleine um.

Hermann Scheer hat in seinen letzten Reden angesichts der internationalen Gipfel immer wieder gesagt:
Die Realität sei leider: „Global denken – national verhindern“.
Und man möchte fast ergänzen: „Global denken – national verhindern – lokal sabotieren“.

Die Tatsache, dass es im gesamten Geopark Bergstraße-Odenwald zwar jede Menge Konzepte für Windenergiestandorte, aber kein einziges Windrad gibt – daran ist allein die hessische Landespolitik, die Bergsträßer Kreispolitik, namentlich (ein völlig ideologisch verbohrter) Landrat Matthias Wilkes schuld.

Die Tatsache, dass in der Gemeinde Wald-Michelbach (da drüben) im vergangenen Winter 2010 / 2011 ein Nahwärmenetz installiert wurde, mit einem 1400kw-Holzhackschnitzelkessel und gleichzeitig einem genauso groß dimensionierten 1400kw-Ölkessel – daran ist allein die Wald-Michelbacher Kommunalpolitik schuld.

Die Tatsache, dass es weder im Kreis Bergstraße noch in der Gemeinde Wald-Michelbach und den restlichen Überwald-Gemeinden ausgearbeitete Konzepte für den Weg zu 100% Erneuerbarer Energien gibt – daran sind allein die politischen Verantwortungsträger im Kreis Bergstraße und den Gemeinden schuld.

Die Gemeinde Rimbach ist da bereits deutlich weiter – dort gibt es seit über 2 Jahren ein ausgearbeitetes Energiekonzept.

Immer mehr Beispiele von Gemeinden und Regionen, die bereits in den letzten Jahren energieautark geworden sind, die mehr Energie produzieren und damit auch verkaufen können, als sie eben selbst benötigen, zeigen längt, dass es möglich ist, dass es geht.

Liebe Freundinnen und Freunde,

Erneuerbare Energien sind umweltfreundlich und klimaschonend.
Erneuerbare Energien sind versorgungssicher, atommüllfrei und risikoarm.
Erneuerbare Energien sind sozial, weil unschlagbar günstig. Sonne und Wind schicken eben keine Rechnung!
Erneuerbare Energien schaffen jede Menge Arbeitsplätze – in Deutschland inzwischen über 350.000, auch hier vor Ort in zahlreichen Handwerksbetrieben. Sie sparen uns jedes Jahr noch viele Milliarden Euro, die wir bisher für den Import von Energierohstoffen ausgeben müssen.
Erneuerbare Energien sind nachhaltig und zukunftssicher. Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme, Biomasse – sie allen können den weltweiten Energiebedarf decken, ohne kommende Generationen zu belasten.

Die Energiewende ist möglich!

In Wald-Michelbach, im Überwald, im Kreis Bergstraße, Deutschland und der Welt!

Lasst uns nicht nachlassen, nicht zögern.
100% frei von Atom. 100% Erneuerbar. Lasst uns dafür kämpfen!

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