#1 Podiumsveranstaltung 30.11.2016 - Antworten zu 5 Fragen - 4. Frage beantwortet von Christiane Hennrich 04.12.2016 23:16

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• Flüchtlinge: Welche Konzepte schweben ihnen beim Thema Integration vor?

Folgende Info vorab: Derzeit sind über 180 Flüchtlinge in Wald-Michelbach untergebracht, bis ins Jahr 2018 werden es etwas mehr als 300 sein. In diesem Zusammenhang müssen neue Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden. Dazu werden weitere Liegenschaften in Anspruch genommen, die jedoch noch renovierungsbedürftig sind:
>Obergeschoss im alten Schulhaus von Aschbach
>Berufsgenossenschaftsgebäude in der Bürgermeister-Stein-Straße

Konzept ist das Stichwort! Gerade die Konzeptlosigkeit seitens der Politik, war bisher für die ehrenamtlichen Helfer das größte Problem. Vieles wurde durch ehrenamtliche Helfer, auch unter Mithilfe der Gemeinde, erstmal in Form gegossen, insofern, dass in unserer Großgemeinde Strukturen geschaffen wurden, die bei uns dafür Sorge tragen, dass vieles überhaupt im Sinne der Bürgerinnen, Bürger und Flüchtlinge funktioniert.
Konzept bedeutet für mich seitens Gemeinde wesentlich mehr Struktur zu schaffen, um den Helfern verstärkte Anleitung und auch mehr Sicherheit zu bieten. Wir können froh sein, dass Frau Michel-Mieslinger sich bereit erklärt hat die Koordination in die Hand zu nehmen, dass wir jemanden haben, bei dem Fäden zusammenlaufen.
• was ich mir zusätzlich wünsche, ist eine von der Gemeinde getragene Stelle zur Koordination und Entlastung der freiwilligen Helfer, mit Sitz im Rathaus und zu festen Zeiten zu erreichen.

Um diese Stelle zu schaffen benötigen wir Geld. Hier gilt es Fördermaßnahmen auszuloten, wie z. B.:

Auf der Grundlage von gemeinsamen Förderrichtlinien des Bundesministeriums des Innern und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden innovative und niedrigschwellige Vor-Ort-Maßnahmen zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von jungen Zuwanderinnen und Zuwanderern gefördert. Die Förderung umfasst praxisnahe Angebote in den Bereichen:
• Stärkung der sozialen Kompetenzen,
• Stärkung der Erziehungskompetenz,
• bürgerschaftliches Engagement,
• interkulturelle Kompetenz,
• Verbesserung der gleichberechtigten Teilhabe von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund sowie
• Kriminalitäts- und Suchtprävention.

Zuwendungsempfänger sind Verbände, Vertriebeneneinrichtungen, Kirchen, anerkannte Träger der politischen Bildung, Migrantenselbstorganisationen, Kommunen und Einrichtungen, die in der Arbeit mit jungen Zuwanderinnen und Zuwanderern auf überregionaler, regionaler oder lokaler Ebene tätig sind.

Als weiterer tragender Eckpfeiler sind Integrations-, und Sprachkurse zu nennen: Das Angebot im ländlichen Raum, im Vergleich zur Bergstraße, deckt bei Weitem nicht die Nachfrage. Derzeit gibt es in Wald-Michelbach einen Integrationskurs eines privaten Trägers (In den Integrationskursen lernen Zugewanderte die deutsche Alltagssprache. Sie bekommen Orientierung über die deutsche Rechtsordnung, Kultur und Gesellschaft), Reguläre Sprachkurse werden von den Ehrenamtlichen gestemmt. Die Volkshochschule ist hier verstärkt von Nöten. Dafür braucht es neben dem Stemmen der Kosten (hier ist der Kreis gefordert) auch die entsprechende Anzahl an Lehrern. 2015 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Zulassungsbedingungen für Sprachlehrer gesenkt. So können Quereinsteiger wie Germanisten, Journalisten oder ehemalige Lehrer eingesetzt werden. Mit ein bis zwei Wochenendschulungen in Didaktik und Pädagogik und einer Einführung an der VHS sind diese dann für die Aufgabe „gewappnet“. Im Anschluss, bzw. in der Fortsetzung werden seitens Bund, ab Juli 2016, berufsbezogene Deutschkurse für Zugewanderte und Flüchtlinge finanziert. Diese Kurse schließen an die Integrationskurse an. Aber auch EU-Bürgerinnen und -Bürger sowie deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund können an berufsbezogenen Sprachkursen teilnehmen. Dies ist wichtig um zu signalisieren, dass die Bevölkerung nicht vergessen oder zweitrangig gegenüber den Flüchtlingen behandelt wird.

Auch sollten die Bürgermeister an den Kreis, geschlossen die Forderung nach einem Betreuungsschlüssel richten, denn schließlich hängt gerade davon ab, wie viel finanzierte Stellen geschaffen werden könnten :

Zu fordern ist ein Betreuungsschlüssel von 1:80 (ein Sozialpädagoge/Sozialarbeiter im Verhältnis zu 80 Flüchtlingen) im Einvernehmen mit der Diakonie Hessen, die schon 2014 einen Betreuungsschlüssel von 1:80 für richtig hielt und empfahl. Alleine ein Schlüssel von 1:120 führt dazu, dass die Betreuungsaufgaben die Beratungsaufgaben weitgehend verdrängen, so dass eine qualifizierte Lebenshilfe und Integration nicht stattfinden kann. Matthias Schimpf vertrat im März 2015 in Lampertheim einen Schlüssel von 1:140, dies würde jeden Ansatz einer adäquaten Integration von Beginn an verhindern. Oft wird die Argumentation, "der Arbeitsmarkt sei leer gefegt", angebracht - Hier ist Flexibilität gefordert gegenüber den Berufsgruppen, die zur Betreuung in Frage kommen und hier widerspreche ich der kurzen Stellungnahmen des Moderators Jörg Maletz während des Podiums, als er abwertend die Begrifflichkeit "Barfuß-Pädagogen" ins Spiel brachte. Es sind meiner Ansicht nach mehr Berufsgruppen fähig, neben dem Beruf des Diplom Sozialpädagogen, gute Arbeit in der Integrationsarbeit zu leisten.

Zu nennen wären hier die Berufsgruppen:
staatlich anerkannte Sozialarbeiter/in
Jugend- Und Heimerzieher/in
Oder Sozialassistent/in

Es gibt auch weitere Optionen wie zum Beispiel die Anerkennung ausländischer sozialpädagogischer Berufsabschlüsse voranzutreiben, ergo wenn eine gleichwertige Ausbildung im Ausland erfolgt ist bzw. wesentliche Unterschiede durch Berufserfahrung oder Anpassungsmaßnahmen ausgeglichen wurden. Dies gilt es zu eruieren, inwieweit hier Potential in unserem Kreis vorhanden ist!

Zur Flüchtlingsbetreuung benötigen wir neben Ehrenamtlichen ordentlich entlohntes Fachpersonal in Vollzeit, nur so lässt sich Integration sinnvoll und stabil für die Zukunft umsetzen. Ich habe allergrößten Respekt vor der Menge der ehrenamtlichen Helfer, die freiwillig humane Hilfe leisten. Sie müssen jedoch auch vor permanenter Überforderung geschützt werden, indem wir so schnell wie möglich gut ausgebildete Kräfte einstellen, die bestmögliche Unterstützung bieten können.
Auch schließt sich hier der Kreis bezgl. eines praktikablen ÖPNV. Gerade Flüchtlinge die in den Ortsteilen verortet sind, werden auch von freiwilligen Helfern zum Einkaufen und zum Arzt gefahren. Da kommt ganz schön was zusammen. Nicht nur die Fahrten auch die Wartezeiten bei Arzt und Einkauf sind logischerweise beträchtlich. Nutzen Flüchtlinge den ÖPNV, verhält es sich so, dass die Kosten des ÖPNV-Tickets nicht von den gewährten finanziellen Hilfen abgedeckt werden. Es muss doch möglich sein, dass die Flüchtlinge, genauso wie unsere Bürgerinnen und Bürger, so oft wie nur möglich in die Lage versetzt werden, ihren Alltag in eigener Regie bestreiten zu können!?

Auch hier möchte ich auf einen weiteren Antrag hinweisen der Abhilfe leisten könnte. Bewusster Antrag befindet sich noch im Geschäftsgang des Kreistages:
Ein Sozialticket und zwar nicht nur für Flüchtlinge, sondern für alle die nur über knappe Mittel verfügen, eben für Bürgerinnen und Bürger und Flüchtlinge!!!

Kinderbetreuung nicht nur ein Thema für Flüchtlingsfamilien: Wir haben zu wenig Kindergarten Plätze, auch für Bürger der Gemeinde!!! Wir müssen darauf achten das Problem ganzheitlich zu betrachten, es darf nicht alles auf Flüchtlinge reduziert werden, es werden allgemein Kita-Plätze benötigt. Für Flüchtlingsfamilien ist hier insbesondere die Integration im Vordergrund. Kinder wollen zu Kindern und gerade diesen fällt es leicht, Kontakt aufzunehmen. Nur braucht’s auch entsprechend die notwendige Anzahl an Erzieherinnen und Erziehern. Kinder die zum Bespiel unter einem Fluchttraumata leiden, müssen evtl. intensiver betreut werden als andere Kinder, aber auch die anderen dürfen nicht vernachlässigt werden. Das ist eine echte Herausforderung für das Personal. Wir brauchen allgemein einen sachgerechten Personalschlüssel, dieser würde jedoch den Kommunen in Hessen gut 370 Millionen kosten. Auch hier gilt es als Bürgermeister entsprechende Forderung nach oben zu richten!

#2 RE: Podiumsveranstaltung 30.11.2016 - Antworten zu 5 Fragen - 4. Frage beantwortet von Schorsch 07.12.2016 00:45

Liebe Frau Hennrich,

absolut richtig, wir hatten auch Probleme in Wald-Michelbach zeitnah einen Kita Platz zu bekommen und ich kann auch nur unterstreichen, dass die Bevölkerung in einem Atemzug mit den Flüchtlingen genannt werden muss. Wir "alle benötigen", ist die richtige Wortwahl. Das ist die richtige Wortwendung, weg von einem Ausspielen gegeneinander.

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